Apr 11 2008
E-Portfolios für alle bis 2010, oder doch nicht?
Wer mich kennt weiß, dass ich die ein oder andere Sache mit E-Portfolios zu tun habe. Einer der Vorreiter der Europäischen E-Portfolio Bewegung, Serge Ravet von EIfEL, hat kürzlich in seinem Blog bemerkt, dass seine Vision von “E-Portfolio für alle bis 2010″ nach seinem heutigem Ermessen (und nach einer “Nachjustierung” seiner Vision) wohl eher dem Streben nach einer (durch verschiedene Tools vernetzten) digitalen Identität ist.
Hmm, das klingt schon eher wahrscheinlich. Ein E-Portfolio als (wie es Graham Attwell ausdrückt) Personal Learning Environment, das sich aus einer Kombination vieler lustiger Webtools zusammensetzt, ist, zumindest in der digitalen Welt, sicher die logischerer Konsequenz aus den derzeitigen Entwicklungen und der Vielzahl an Tools, die es gibt. ABER: Wenn ich E-Portfolios als (wie wir immer behaupten) Methode für kompetenzorientierts Lernen sehe, dann ist für mich nun endgültig klar, dass sich EIfEL mit seinen Aktivitäten doch in eine andere Richtung entwickelt, als ich es für die E-Portfolio Welt es mir wünschen würde. Auch die Bestrebungen von EIfEL, mit dem HR-XML Konsortium um technische Schnittstellen zu HR-Systemen zu ringen, ist für mich ein Indiz, dass nun doch immer weniger der/die LernerIn im Mittelpunkt steht.
Aber, was sind E-Portfolios dann wirklich? E-Portfolios sind (wenn man den Artikel von Cohn & Hibbits beachtet, vor allem dei Warnung vor “E-Portfolios als Silo-Systeme”) in Ihrer Uridee als vernetzte Elemente zu sehen, die in ihrer Gesamtheit ein umfassendes Bild eines Kompetenzptprofils zeigen sollen. Mich als (ehemaligen) Lehrer interessiert natürlich der Prozess, wie es zu diesen Kompetenzprofilen kommt - also das Lernen selbst.
Nach meinem Verständnis sollten E-Portfolios als Methode verstanden werden, die den Prozess der Kompetenzentwicklung unterstützen soll (einige Gedanken finde sich sicher in meiner Publikationsliste wieder). E-Portfolio (vor allem als inflationär gebrauchtes Buzzword) wird aber m.E. zunehmend missverstanden - mit der Reduktion auf die Technik haben wir ja auch schon immer gekämpft. Wenn nun aber EIfEL auch noch in diese Kerbe schlägt, indem Serge seine Vision von “ePortfolio for all” mit “digital Identity for all” gleichsetzt, dann stellt sich mir die Frage, ob ich oder er E-Portfolios immer falsch verstanden habe.
Digitale Identitäten aufzubauen, in diesen zu leben und damit verfolgbare Spuren zu hinterlassen (die dadurch Kompetenzen verdeutlichen) ist ein Phänomen, dass sich an der rasanten Entwicklung der gesamten Social Software Szene deutlich zeigt. Aber E-Portfolios nun damit gleichzusetzen …. ich weiß nicht ??
Unser Bildungssystem räumt dem selbstorganisierten bzw. selbstbestimmten Lernen derzeit keinen oder nur wenig Platz ein (sorry, ich glaube dass hier einige meinr KollegInnen aufschreienwerden). Die Verwendung der “lustigen” Web-Werkzeuge alleine und das Aufbauen einer digitalen Identität wird aber hier nicht ausreichen, um der E-Portfolio Idee (nach meinem Verständnis) gerecht zu werden. Wenn es die derzeitigen Entwicklungen also verlagen, sollte man sich wohl als Konsequenz daraus einen neuen Terminus überlegen .. aber welchen?? Bin gspannt, wie Ihr das seht.
